DIE VERSÖHNUNG
DES
MENSCHEN MIT GOTT


Vorwort des Verfassers


Die erste Auflage dieses Bandes wurde im Jahre 1899 veröffentlicht. Das Werk befindet sich jetzt im Besitz einer großen Anzahl des Volkes Gottes in verschiedenen Sprachen in der ganzen zivilisierten Welt. Zahlreiche Freunde schrieben uns, daß sie durch den Band große Hilfe in der Erläuterung der Wahrheit — der Erklärungen der Bibel — empfangen haben. Manchem ist in der einen, manchem in der anderen und manchem ist er nach allen Richtungen hin hilfreich gewesen. Das Kapitel „Der Unbefleckte“, das davon handelt, wie unser Herr den irdischen Zustand annahm, als er in Bethlehem als Kind geboren wurde, hat besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und viele haben erklärt, daß es ein großes Licht auf die verschiedensten biblischen und wissenschaftlchen Gegenstände geworfen hat.

Bei einem Theologie-Gebäude, das seine eigene Fehlbarkeit zugesteht und die göttliche Fürsorge und Erleuchtung bis zum Ende des Laufes der Kirche erwartet und erbittet, scheint es bemerkenswert zu sein, daß dieser Band, der vor 19 Jahren geschrieben wurde, nur geringer Berichtigung bedarf, um m i t den letzten Ansichten der Bibelforscher übereinzustimmen.

Der wichtigste Zug dieses Bandes ist das Lösegeld. Augenscheinlich ist diese Lehre, von der alle übrigen mit unserer Errettung verbundenen Lehren ausgehen, in weitgehendem Maße in Vergessenheit geraten und verdunkelt gewesen, von der Zeit an, da die Apostel entschliefen bis zur Gegenwart. Bibelforscher haben gefunden, daß das Lösegeld der Schlüssel ist, der die ganze Bibel aufschließt, der augenblicklich unterscheidet, was Wahrheit und was Irrtum ist.

Da wir den Gegenstand gewürdigt und sorgfältig studiert haben, ist es nicht zu verwundern, daß unsere Ansichten diesbezüglich klarer und klarer geworden sind. Die das Lösegeld betreffenden Aussagen der Bibel haben sich in keiner Weise geändert, auch hat unser Vertrauen zu ihnen nicht nachgelassen, doch sind sie klarer geworden, wir verstehen sie besser. Wir glauben, daß die Aussagen, die die Bibel über diesen Gegenstand gibt, unfehlbar sind, und daß es unsere eigene Fehlbarkeit ist, die es ermöglicht, daß unsere Ansichten erweitert werden, da wir in der Schrift forschen, und — wie verheißen — durch den Heiligen Geist zu einem Verständnis derselben geführt werden. Wir erheben nicht Einspruch gegen den göttlichen Plan der schrittweise vor sich gehenden Enthüllung, sondern wir erfreuen uns desselben. Wir haben uns wegen nichts zu entschuldigen. Das Lösegeld wird uns in großartiger Weise erkennbar durch jeden neuen Strahl göttlichen Lichtes.

Wir erkennen jetzt, daß unser Herr Jesus die himmlische Herrlichkeit verließ, damit er eine Erlösung für Adam und sein Geschlecht bewirken konnte. Wir erkennen, daß die Verwandlung seiner Natur von einem geistigen zu einem menschlichen Wesen in der Absicht geschah, es ihm möglich zu machen, das Lösegeld zu sein — ein vollkommener Mensch für einen vollkommenen Menschen — Antilytron — ein entsprechender Preis. Wir erkennen jetzt, daß sich Jesus zur Zeit seiner Weihung, die er im Alter von 30 Jahren am Jordan vornahm, als Lösegeld für alle hingab. Er fuhr fort, das Lösegeld zu geben, indem er sein Leben niederlegte, das zur bestimmten Zeit das Lösegeld für Adam und sein Geschlecht ausmachen soll. Er vollendete dieses Werk der Niederlegung seines Lebens, es zu übergeben, zu weihen, von sich nehmen zu lassen, als er am Kreuze ausrief: „Es ist vollbracht!“ Nichts mehr als das, was wirklich niedergelegt worden war, konnte niedergelegt werden — ein Lösegeld, ein entsprechender Preis für Vater Adam. Aber es wurde nicht zum Ausgleich der Schuld Adams bezahlt, sonst würden Adam und das ganze Sündergeschlecht zur selben Zeit und am selben Orte J e s u zugeführt worden sein. Der Preis wurde nur als ein Pfand in die Hand der göttlichen Gerechtigkeit gelegt, zugunsten dessen, der gestorben war, damit dieser ihn später in Harmonie mit dem göttlichen Plane in Anwendung bringen könnte. Unser Herr Jesus wurde als ein Geistwesen göttlicher Natur aufgeweckt, als Belohnung für seine Treue, die er Gott gegenüber erzeigt hatte. Indem er sein irdisches Leben als Opfer hingab. Gott hat ihn hoch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jeden Namen ist.

Jesus konnte gar keinen Gebrauch machen vom Lösegelde, als er auf der Erde war. Er konnte nicht einmal seine Jünger in Gemeinschaft mit Gott bringen. Darum erklärte er: „Ich fahre auf zu meinem Gott und zu eurem Gott, zu meinem Vater und zu eurem Vater.“ Auch erklärte er: „Wenn ich nicht hingehe, so kann der Geist nicht kommen.“ Zehn Tage, nachdem unser Herr aufgefahren war, erhielten seine Jünger, die sich seiner Anweisung gemäß in dem oberen Raume versammelt hatten, den Pfingstsegen, die Bestätigung, daß sie vom Vater durch das Verdienst des Opfers Jesu angenommen waren. Jesus hatte das Verdienst des Lösegeldes, das er in die Hand des Vaters gelegt hatte, seinen Jüngern zugerechnet, aber nicht gegeben. Nicht sie sollten es besitzen, sondern die Welt, — „ein Lösegeld für alle“. Alle Jünger entsagten ihrem Anteil an den Segnungen der Erlösung, die die Welt bei dem zweiten Advent unseres Herrn empfängt, damit sie mit ihrem Erlöser teilhaben an einem noch größeren Segen, Ehre und Unsterblichkeit. Das Lösegeld soll Adam und seinem Geschlecht das irdische Leben, die irdischen Ehren und Rechte bringen, die durch Adam verloren gegangen waren, als er durch Ungehorsam ein Sünder wurde, indem der Verlust auf seine ganze Familie, sein ganzes Menschengeschlecht vererbt wurde. Die Zeit, die Ergebnisse der Erlösung, nämlich Wiederherstellung, ADAM und seinem Geschlechte zu geben, ist nach der „zweiten Wiederkunft“ unseres Herrn fällig, wenn er sein Königreich aufrichten wird, das dazu dienen soll, das empörerische Geschlecht zu voller Gemeinschaft mit dem Vater und zu ewigem Leben zurückzubringen, so viele es wollen.

Die Berufung der Herauswahl geschieht nicht, um ein weiteres Lösegeld zu geben, auch nicht, um dem, welches Jesus gab, etwas hinzuzufügen, denn das seinige genügt. Die Aufforderung der Herauswahl soll zeigen, daß sie denselben Geist hat, den Jesus hatte, denselben Wunsch, den Willen des Vaters um jeden Preis — selbst bis zum Tode — zu tun, und diejenigen, die dies zeigen, können vom Vater als Glieder des königlichen Priestertums, dessen Haupt Jesus ist, als eine Brautklasse, mit Jesus als dem himmlischen Bräutigam, angenommen werden. Sie müssen unter demselben Bunde zu Gott zurückkehren den Jesus geschlossen hatte. „Versammelt mir meine Frommen, die meinen Bund geschlossen haben beim Opfer.“ — Psalm 50:5

Erst wenn diese berufen, erwählt, treu erfunden und verherrlicht worden sind, wird die Zeit für Christum und seine Brautklasse kommen, die Herrschaft über die Welt zu deren Aufrichtung zu übernehmen, und erst dann wird für unseren Heiland die geeignete Zeit gekommen sein, das Verdienst seines Todes der göttlichen Gerechtigkeit zu übertragen, das er sterbend als Pfand in die Hände des Vaters gelegt hatte mit den Worten: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist“ — mein Leben und alle Rechte darauf. Wenn dieses Lösegeld am Ende dieses Zeitalters der Gerechtigkeit formell übergeben sein wird, wird es nicht mehr ein zur Verfügung des Heilandes stehendes Pfand sein, sondern ausgetauscht sein gegen Adam und sein Geschlecht, dessen Glieder alle sogleich vom Vater dem Sohne übergeben werden, damit das Millennium-Königreich beginnen kann, und alle Geschlechter der Erde dem Erlöser unterworfen werden, damit er sie aufrichten kann aus der Sünde und dem Zustande des Todes zu alledem, was in Adam verloren war, und für dessen Rückkauf Jesus gestorben ist. Die Herauswahl konnte während des nahezu 1900 Jahre andauernden Vorganges der Erwählung kein G o t t annehmbares Opfer sein, wie es ihr Erlöser Jesus war, weil er allein heilig, unbefleckt war, — wir alle sind unvollkommen, Sünder, und Gott nimmt unvollkommene, befleckte, sündige Opfer nicht an. Was konnte also getan werden, um uns zu annehmbaren Opfern zu machen, und uns zuzulassen, um Mitarbeiter Jesu auf geistiger Stufe zu werden? Das Geeignete wurde getan — eine Zurechnung des Verdienstes wurde von der göttlichen Gerechtigkeit allen gewährt, die in einen Opferbund einzutreten wünschten, und für die Jesus ein Rechtsbeistand, ein Bürge sein würde. Dieses Verdienst seines Opfers, das Jesus seiner Herauswahl zurechnet, könnte mit einer Hypothek auf das Lösegeld verglichen werden, die verhindern würde, daß es für die Welt angewandt wird, bis seine Anwendung für die Herauswahl beendet sein wird.

Der Bund der Herauswahl ist, alles irdische Leben und alle irdischen Rechte zu opfern, damit sie Neue Schöpfungen in Christo und Miterben auf geistiger Stufe werden.

Auf der Grundlage dieser Zurechnung unserer zukünftigen Wiederherstellungssegnungen und unserer persönlichen Weihung, die wir dem Herrn gegenüber vornehmen, brachte uns unser Erlöser, indem er als unser Hohepriester und Rechtsbeistand tätig war, in Beziehung zu dem Plane des Vaters, wodurch uns ermöglicht wurde, die Zeugung aus dem Heiligen Geiste zu empfangen und aufzuhören, dem menschlichen Geschlecht anzugehören, und Glieder des geistigen Geschlechtes zu werden, dessen Haupt Jesus ist. Alle Glieder der Herauswahl nehmen deshalb mit Jesus an der Selbstaufopferung teil, indem wir uns mit dem Herrn hingeben, und er als Gottes Hohepriester uns als Teil seines eigenen Opfers darbietet. So „ergänzen wir, was noch rückständig ist an den Leiden des Christus“. So leiden wir mit ihm, damit wir auch mit ihm herrschen können. Erst wenn alle Geistgezeugten durch den Tod gegangen sein werden, wird das Verdienst Christi, das bei seinem Tode als Pfand in die Hand der Gerechtigkeit gelegt und zugunsten der Herauswahl verpfändet wurde, von jeder Hypothek entlastet und zur vollen Anwendung im Loskauf Adams und seines Geschlechtes unter den Bedingungen des Neuen Bundes frei sein.

Wenn wir diesen Band noch einmal schreiben würden, würden wir hier und da geringfügige Veränderungen des Ausdrucks vornehmen, in Übereinstimmung mit dem, was wir hier dargelegt haben. Wir bitten unsere Leser, dies im Gedächtnis zu behalten. Die Veränderungen sind nicht derart, daß sie uns die Ausdrücke in diesem Buche als schlecht bezeichnen ließen — sie sind nur nicht so genau und klar, wie sie es sein könnten, wenn er jetzt geschrieben werden sollte.

Wegen einiger zeitgemäßer Erläuterungen über den Neuen Bund bitten wir den Leser, das Vorwort des Verfassers in „Schriftstudien“ Band VI zu beachten.

Euer Diener im Herrn

CHARLES T. RUSSELL

Brooklyn N. Y., den 1.Oktober 1916